Bezüglich des Einbettens von Termen fremdsprachlichen Ursprungs in die deutsche medizinische Fachsprache haben sich Regeln herausgebildet, die nur teilweise schlüssig sind und die im klinischen Alltag oft ignoriert werden. Darüber hinaus widersprechen die in der Medizin gültigen Regeln denen, die für die chemische Nomenklatur gelten, was dort relevant wird, wo Medizinterme chemische Terme enthalten. Vom Verlagswesen werden diese Richtlinien streng eingehalten.
Als maßgeblich erscheinen und in erster Linie die Richtlinien des Thieme-Verlags, aber auch Duden und Pschyrembel.
Dass Verstöße gegen diese Regeln in der klinischen Dokumentation alltäglich sind, ist offensichtlich, ob dieser Einfluss auf den Übersetzungsprozess haben soll (z.B. durch Hinzunahme von Varianten als Synonyme) ist bisher offen
Typische Fälle:
- “Coloncarcinom” (“Kolonkarzinom”)
- “Cerebralsklerose” (“Zerebralsklerose”)
- “Oesophagus” (“Ösophagus”)
- “Kalziumacetat” (“Calciumacetat”)
- “Babies” (“Babys”)
Die Grundlage besagt, dass fremdsprachige Wörter, die nicht komplett in einem für die Ursprungssprache typischen syntaktischen Kontext stehen (z.B. mit lateinischen Kasusendungen) eingedeutscht werden. Bei lateinischen Ausdrücken bedeutet dass, dass wo immer zwei oder mehr syntaktisch verbundene lateinische Wörter nebeneinander stehen, die lateinische Schreibweise bestehen bleibt, mit der Ausnahme der Großschreibung der Substantive.
- Gehören sie zur medizinischen Terminologie, werden sie nach den Regeln der medizinischen Nomenklatur eingedeutscht
- Gehören sie zur chemischen Terminologie, werden sie nach den Regeln der chemischen Nomenklatur eingedeutscht
Eindeutschungsregeln für Medizinterme:
- “c” wird zu “z” in “cae”, “coe”, “ce”, “ci”, “cy”
- “c” wird zu “k” in “ca”, “co”, “cu”, “ct”, “cn”, “cl”, “cm”, “cr”, “ct”,
- “ae”, “oe” und “ue” werden zu den entsprechenden Umlauten
- Verwendung von Bindestrichen oder Zusammenschreibung
- Bei lateinischen Termen, die aus mehr als einem Wort bestehen, wird der Erstbuchstabe des ersten Wortes groß und die folgenden Wörter klein geschrieben
- zu “ph” vs. “f” siehe Duden"
- Bei der Eindeutschung bleiben lateinische Pluralendungen oft vorhanden, z.B. “Mikrovilli”, “Ulzera”, es kommt jedoch auch zu hybriden Pluralformen wie in “Appendizitiden”
Eindeutschungsregeln für Chemieterme (ausgehend von der englischen Schreibweise), einschließlich Termen für pharmakologische Substanzen:
- “c” bleibt bestehen → “Calcium” statt “Kalzium”
- Nach Bindestrichen wird klein weitergeschrieben
- Fugen-O fällt weg, z.B. “Trichlorethan” statt “Trichloroethan”
- Ein endständiges entfällt meistens: “Orphenadrin” statt “Orphenadrine”, “Aldehyd” statt “Aldehyde”, da endständige “e” für Pluralformen stehen (“aldehyds” → “Aldehyde”)
- Zahlreiche Besonderheiten: “-iod” → “jod”, “acid” → “-säure”, “-urea” → “-harnstoff”, “-toluene” → “-toluol”, “-benzene” → “-benzol”
Eindeutschungsregeln für gemischte Terme - Vorschlag: der zusammengesetzte Term folgt den Medizinregeln (“Kalziumresorption”), bei Bindestrich-Zusammensetzung folgt jeder den jeweils eigenen Regeln “Calcium-Resorption”. Thieme schlägt vor, sich auf den Medizin-Duden zu beziehen.
Ist ein Einzelwort aus einem Chemie- und einem Medizinterm zusammengesetzt, so gilt die Konvention für Medizin z.B. “Kalziumexkretion”.
In Zweifelsfällen orientiert man sich am Medizin-Duden, Roche-Lexikon oder Pschyrembel
Nach Anwendung der obigen Regeln sind folgende Schreibweisen korrekt:
- “Ödem der Knöchel”, “Knöchelödem”, aber “Oedema aquosum”
- “Ulkus des Magens”, “Magenulkus”, aber “Ulcus ventriculi”; “Bulbuskontusion”, aber “Contusio bulbi”; “Polypose des Kolon”, aber “Polyposis coli”, “Angina pectoris”, aber “pektanginöse Schmerzen”
- “Zyste” und “Zystitis”, aber “Cytosin”; “Karzinom” aber “Calcium”
Präferenzregeln :
Für den Preferred Term folgen wir strikt den o.g. Sprachnormen und schlagen im Zweifelfall in medizinischen Lexika nach, sowie orientieren uns an den Präferenzen der BfArm-Klassifikationen.
Für die Synonyme lassen wir uns auch durch die Sprachpraxis und die Sprachtradition leiten, sofern sich nach der Häufigkeit im Web die Popularität einer nicht normgerechten Schreibweise belegen lässt
Beispiele (mit exakter Google-Zählung 2023 - Zusatz rc=1):
Ösophagusvarizen (1910)
Oesophagusvarizen (63)
Oesophagusvaricen (17)
intrazerebrale Blutung (2100)
intracerebrale Blutung (92)
Hirnblutung (4950)
Kalziummangel (1120)
Calciummangel (983)
Ca-Mangel (77)
(Hier entspricht “Kalziummangel” nicht der offiziellen Schreibweise, da es nach den Medizin- und nicht nach den Chemie-Regeln eingedeutscht wurde. )
Für die deutsche Übersetzungspraxis ist offen, ob die Schreibvarianten als Acceptable Synonyms berücksichtigt werden sollen:
Beispiel
Englischer FSN / Deutscher PT / Synonyme
Carcinoma of colon (disorder) / Kolonkarzinom / Coloncarcinom
Esophageal structure (body structure) / Ösophagus / Oesophagus, Speiseröhre
Calcium deficiency (disorder) / Calciummangel / Kalziummangel, Calciumdefizit
Bei Konzepten aus der Hierarchie “body structure” (anatomische Konzepte) könnte der lateinische Term als PT vorzuziehen, sowie ein deutscher Term als Synonym anzugeben. Ausnahmen können dort gemacht werden, wo der lateinische Term ungebräuchlich ist, Beispiel “Kopf”.
Englischer FSN / Deutscher PT / Synonyme
Head structure (body structure) / Kopf / Caput
Structure of head of humerus (body structure) / Caput humeri / Humeruskopf
Facial nerve structure (body structure) / Nervus facialis / Gesichtsnerv